Warum wir dringend einen Sozialindex brauchen!

Bild: Karl-Heinz Tillmann

Die Frage der sozialen Gerechtigkeit betrifft auch das Schulsystem. Hier brauchen wir dringend ein Umdenken, denn Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit sind zentrale Bausteine zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wollen wir dies nachhaltig gewährleisten, dann müssen wir jetzt handeln. Es gilt alles Schulen gut zu versorgen, dies bedeutet aber mitunter, dass personelle und materielle Ressourcen nicht munter nach dem Gießkannenprinzip auf alle Schulen gleich verteilt werden, sondern dass die individuellen Ausgangslagen betrachtet werden und hiervon abhängig verteilt wird. Und dies nach einem gerechten Verteilerschlüssel.

Was in NRW fehlt, ist solch ein konsequenter und schulscharf angewendeter Verteilerschlüssel, ein Sozialindex.
Was das ist? Am besten lässt sich das am Modell, wie es in Hamburg angewendet wird, erklären: Alle Schulen werden anhand ihrer sozialen Rahmenbedingungen in sechs abgestuften Belastungsgruppen eingeordnet. Man orientiert sich dabei ganz konkret an der Zusammensetzung der Schülerschaft und dem Standort der Schule. Der ersten Belastungsgruppe, also Sozialindex 1, werden Schulen zugeordnet, bei denen die meisten Schüler*innen aus bildungsfernen Schichten und sozial-schwierigen Verhältnissen kommen. Umgekehrt gilt: wenn die meisten Kinder und Jugendlichen aus bildungsnahen und wohlhabenden Verhältnissen stammen, bekommt die Schule den Sozialindex 6 zugeordnet. Je nach Bewertung im abgestuften System erhalten die Schulen dort dann z.B. mehr oder weniger finanzielle Mittel. Auch der Personalbedarf wird anhand des Sozialindex bestimmt. Die Ressourcen kommen damit den Schulen, an denen sie am dringendsten gebraucht werden, und ihren Schüler*innen zu Gute.
Im Schulsystem müssen ungleiche Bedingungen ungleich behandelt werden. Das Modell Hamburg zeigt uns, wie man eine Verteilungsgerechtigkeit herstellen kann.

Die Idee eines Sozialindexes findet sich sogar im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Landesregierung wieder. Bislang ist aber noch unklar, ob, wann und wie er umgesetzt werden soll. Schulen in besonders sozial-schwierigen Lagen können jedoch nicht länger warten und brauchen jetzt unsere Hilfe: in Form einer Ressourcenzuweisung, die genau diese Schulen verstärkt unterstützt und die sich an der Zusammensetzung der Schülerschaft orientiert. Immer noch entscheiden die Postleitzahl des Wohnortes und die Herkunft der Eltern über die Chancen von Kinder und Jugendlichen in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf. Das wollen wir ändern!
Das zeigt auch: bloße Ankündigungen bringen uns hier nicht weiter! Wir müssen weiterhin Druck auf die Landesregierung ausüben – zum Wohle und für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen in NRW.

Auf den Verweis, es gäbe ja in einigen Kommunen bereits Sozialindizes, erwidern wir: das reicht uns nicht! Sozialindizes werden dort nur punktuell eingesetzt und Gelder zu einem gewissen Prozentsatz verteilt. Der Rest der finanziellen Mittel wird jedoch nicht oft anhand weniger nicht immer stichfester und überprüfbarer Kriterien verteilt.
Bei vielen Schulen ist es aber schon nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon zu spät. Wir müssen jetzt handeln!

Jedes Kind hat ein Recht, dass seine Talente geweckt und gefördert werden.
NRW hat viel mehr Schätze an seinen Schulen zu bergen als uns die Landesregierung mit ihrem Programm der Talentschulen zeigen möchte. Diese Schätze gibt es an jeder Schule – unabhängig vom Stadtteil oder der Herkunft. Sie halten sich jedoch oft selbst nicht für Talente. Ihnen wird immer vermittelt, wer nur schlecht Deutsch spricht oder Probleme in Mathematik hat, ist kein*e gute*r Schüler*in und damit auch ganz bestimmt kein Talent. Dass diese Schüler*innen aufgrund ihres familiären Hintergrundes und beispielsweise einer Flucht- / Migrationsgeschichte zum Teil mehrsprachig sind, ist eine nicht zu unterschätzende Kompetenz in unserer globalen Welt. Oft werden sie jedoch, ähnlich wie die Schulen selbst, schlichtweg abgestempelt oder, schlimmer noch, stigmatisiert. So können wir nicht weiter mit unseren Schätzen umgehen!

Aufstieg über Bildung muss wieder möglich sein! Bildungsarmut müssen wir verhindern! Lasst uns daher auf Schatzsuche in unseren Schulen gehen und gerade diejenigen unterstützen, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen!